Kiko kann jetzt alles selbst

Seit dem Kindergartenbeginn hat sich echt viel getan… In Yurikos Bauch gedeihen die zwei Kleinsten – dank Herumliegerei scheinen sie sich im Bauch auch noch für ne Weile eingerichtet zu haben – und die immer noch hustende Kiko kann (und will!) inzwischen alles selbst machen. Brot schmieren, Hustensaft eingießen, anziehen, ausziehen, Kartoffeln stampfen, Pilze schneiden, Zahnpasta rausdrücken… Das Meiste klappt auch schon sehr gut. Heute hat sie ein ihr unbekannte Funkgerät selbständig ein- und wieder ausgeschaltet. Woher weiß sie eigentlich, wie das geht??
Mit der Selbständigkeit kommt aber auch ein sehr starker Wille. Holla! Die meisten Sachen gehen nur auf eine ganz bestimmte Weise – sonst gar nicht. Die blauen Socken anziehen AUF KEINEN FALL – NEIN – NEIIIN – AAAHHHBUUUHÄÄÄ! Und dann zum Beispiel zu mir: „Du sollst dies machen… und jenes… und dieses… und jetzt aber doch nicht…“ Das Konzept vom freundlich fragen hat Kiko schon mal gehört, aber ich glaube, so richtig eingeleuchtet hat es ihr nicht. Besonders, wenn sie müde ist, wird’s richtig anstrengend. Und zuweilen komme ich mir dann auch schon ein bisschen alt vor, wenn Kiko in mein Ohr schreit oder hustet (Hand vor den Mund halten WILL ICH NICHT). Irgendwo habe ich mal gelesen, dass man eigentlich nur bis zum Alter von drei Jahren Gelegenheit hat, den Kindern beizubringen, dass es gewisse Grenzen gibt, dann aber nicht mehr. Na toll. Bis jetzt war Kiko super-kooperativ. Und jetzt ist das Zeitfenster zu und der Trotz geht los???

Kein Grund zur Panik, aber interessant. Ich bin sehr gespannt, wie Kiko auf ihre Geschwister reagiert und vor allem darauf, dass ihre ganzen Eltern mit anderen Kindern beschäftigt sein werden…
Und ich bin immer noch begeistert! Erst gestern, Kindertanzen. Um 15:00, wir kommen an, Kiko flitzt in den Tanzraum und braucht mich nicht mehr. Ich arbeite im Vorraum am Laptop und sehe sie nur kurz zwischendrin, weil sie Pipi muss. Dann wieder zurück zum Tanzen. Um 16:00 fertig, wir bummeln ein bisschen herum, bis um 16:30 A-lex übernimmt. Kiko hat das voll akzeptiert, die Übergabe läuft völlig reibungslos, ich laufe beglückt zum nächsten Termin und kann um Punkt 16:30 schon wieder unseren Lebensunterhalt verdienen. Co-Elternschaft und eine große Gemeinschaft mit guten Möglichkeiten zum Arbeiten ist halt auch perfekt.

Ein Baby! Ein Baby!

Hallo liebe Leserinnen und Leser,

ich freue mich, dass Sie sich so zahlreich versammelt haben, um sich die neuesten Nachrichten aus unserer Gemely anzuhören. Lange lange habe ich geschwiegen, dabei hätte es schon zu berichten gegeben, wie Kiko die lange (12 Tage) Abwesenheit der zwei Bioeltern verkraftet hat (gut), wie die zwei Bioeltern die lange Abwesenheit von Kiko verkraftet haben (gut), wie die Stimmung in der Gemely so ist (gut) und wie sich Kiko so entwickelt (fantastisch). Außerdem gibt es eine große Neuigkeit, die ich am Liebsten mit einem Ultraschallbild hier veröffentlicht hätte: Ein Baby! Yuriko ist wieder schwanger! Ungefähr am selben Tag, an dem die Gemely-Generalversammlung grünes Licht für ein weiteres gemeinsames Kind gegeben hat, wurde die Zeugung erfolgreich vollzogen. Wir waren platt; beim ersten Mal hatte es anderthalb Jahre gedauert und mit so etwas Ähnlichem haben wir auch dieses Mal gerechnet. Natürlich wirft das einige Planungen durcheinander, vor allem bei Yuriko, die nicht nur eine übers ganze Jahr stattfindende Seminarreihe mitleitet, sondern auch noch eine psychologische Weiterbildung absolviert. Beides wird dann wohl eingeschränkt und oder unterbrochen werden müssen. Da die Frauenärztin im Urlaub ist, gab es noch keine Erst-Untersuchung und einen Ultraschalltermin erst am 4. August.

Aber die Ereignisse überschlagen sich, und der Grund, dass ich mit dem Verkünden der frohen Botschaft jetzt nicht bis zum 4. August gewartet habe, liegt darin begründet, dass wir gestern aufgrund von untersuchungswürdigen Gebärmuttergefühlen im Krankenhaus waren und Yuriko dort an einem Samstag in den „Genuss“ einer Untersuchung samt Ultraschall gekommen ist. Die gute Nachricht: Da ist es, das Baby. Alles dran und das Herz klopft schnell in Verheißung eines aufregenden Lebens mit vier Eltern und einer Schwester. Und dann noch eine gute Nachricht: Noch ein Baby. Alles dran und das Herz klopft schnell… Äh Moment mal, wie bitte? Zwillinge? Ja! Nicht noch ein Kind, sondern noch zwei Kinder. Verhältnis Eltern-Kinder sinkt von 400 % auf 133,3 %. Ja, das ist blogwürdig; wenn wir euch das nicht erzählen würden, dann könnten wir uns komplett ins Private zurückziehen.

Es wird also 3 Mal so spannend, wie es bisher schon war, um mal bei der Statistik zu bleiben. Was uns gerade beschäftigt, könnt ihr euch selbst ausmalen. Windeln wechseln, Füttern, Herumtragen, ins Bett bringen, das ist mit einem Kind schon aufregend und bis gestern haben wir uns gefragt, wie das wohl gehen soll mit Kiko, die uns schließlich auch schon gut beschäftigt. Und das jetzt doppelt. Oh Glück, oh Weh, oh Glück. Wenn ich es Leuten erzähle, dann kriegen sie erst große Augen und sagen dann „Na, herzlichen Glückwunsch“, mit so einem komischen Unterton. Ich denke mir dann im Zweifelsfall immer: Na ja, wir nehmen halt alles mit.

Die Jahre 2015, 2016 (Geburtstermin Februar, aber Zwillinge kommen gern früher), 2017, 2018 (Zwillinge können vielleicht ab Herbst in den Kindergarten) werden nochmal so richtig spannend.

Frage an die Kinderpsychologin

Wenn wir jemanden hätten, der/die uns kompetent beraten würde in unserem Gemeinsam-Eltern-Dasein, dann hätte ich jetzt bitte etwas Unterstützung. Yuriko und ich möchten nämlich dieses Jahr zusammen zum Wandern nach Norwegen fahren. Ich muss wegen eines Termins sowieso dorthin und die Natur soll dort ja bekanntlich großartig sein. Und Naturzeit zu zweit wird uns bestimmt super gut tun.
Da wir vier Eltern sind, sollte das ja kein Problem sein, wenn zwei mal eine Weile ohne Kind wegfahren. Sind ja noch zwei da, richtig? Insbesondere Emma freut sich auch schon auf die Zeit und hat vor, während unserer Reise zum ersten Mal alleine mit Kiko wegzufahren und ihre Eltern eine Woche lang in Bayern zu besuchen.
Jetzt habe ich bestimmt schon ein paar Mal in diesem Blog erwähnt, dass es gar nicht so leicht ist, das Kind los- und einfach mal bei den anderen Eltern zu lassen. Da Yuriko und ich als Bio-Eltern, wenn wir zu Hause sind, von Kiko zuweilen besonders beklammert werden, ist es oft schwer, dann wegzugehen und sich keinen Kopf ums Kind zu machen. Es kommt nicht oft vor, dass es wirklich schwierig ist, aber ich glaube ich kann sagen, die paar Mal, wo Kiko nicht wollte, dass eine*r von uns beiden geht, sind uns ganz schön in die Knochen gefahren. Und natürlich ist das (für mich) der fette Knackpunkt an unserer ganzen Co-Elternschaft, dass Kiko manchmal die Bioeltern so bevorzugt. A-lex und Emma gehen ganz toll damit um, das habe ich auch immer wieder geschrieben, und tatsächlich geht es Kiko dann auch gut mit ihnen, wenn wir erst mal weg sind. Das merke ich auch an Kiko und Yuriko: Yuriko wird manchmal auch klar gegenüber mir bevorzugt, und wenn sie weggeht, scheint Kiko das manchmal (kurz) schlimm zu finden. Wenn sie dann aber weg ist, kurz oder lang (zur Zeit recht oft, beruflich), dann habe ich/haben wir übrigen drei trotzdem ein glückliches und entspanntes Kind während ihrer Abwesenheit. Wahrscheinlich kann sie sich das gar nicht vorstellen, wie wenig sie in diesen Zeiten von der Kleinen gebraucht wird.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Kiko bei Emma und A-lex genauso ist, sobald wir beide weg sind. Und sie war ja auch schon mal 9 Tage mit den beiden verreist, völlig problemlos!

Aber jetzt würden wir halt wegfahren und Kiko „müsste“ zu Hause bleiben, was sie grundsätzlich nicht ganz so spannend findet wie verreisen.
Und wir wären beide weg.
Und wir wären fast 18 Tage weg.

Bevor ich die Zugtickets endgültig gebucht hatte, habe ich Yuriko gefragt, ob wir das wirklich bringen können, Kiko so lange „allein“ zu lassen. Und da hat sie mir klipp und klar gesagt „auf jeden Fall!“ Das war zu einer Zeit, in der Kiko mit uns allen vieren bestens klarkam und die erwähnte Bevorzugung der Bio-Eltern kaum spürbar war.
Und dann verkündete Yuriko gestern (nachdem sie gerade von einer einwöchigen Abwesenheit wiederkam und Kiko entsprechend anhänglich war UND nachdem ich natürlich inzwischen sämtliche Tickets besorgt hatte), dass das doch Wahnsinn wäre, ohne unser zweieinhalbjähriges Kind in den Urlaub zu fahren. Im Moment kann sie sich das, glaube ich, wieder nicht vorstellen. Nachdem ich gerade beschlossen hatte, das einfach zu machen und in der Zeit einfach gar nicht an Kiko zu denken, weil es ihr sowieso gut gehen wird mit A-lex und Emma.
Was sollen wir denn jetzt bloß machen? Geht das, das wir wegfahren, oder geht es nicht?

Als ich kaum 6 Jahre alt war, waren meine Eltern mit mir im Wohnmobil in Griechenland, drei Wochen lang. Meinen knapp drei Jahre alten Bruder ließen sie bei einer Bekannten, bei der wir Kinder öfters waren. 1978 wurde so was also auch schon mal gemacht. Mein Bruder ist trotzdem ziemlich ok geworden. Als ich meine Mutter gefragt habe, wie es ihr damit ging, ihn zurückzulassen, hat sie mich gar nicht verstanden: „Wieso, der war doch gern bei Tante Hilde.“ Na toll.

Ambivalenz

Wenn ich den ganzen Nachmittag mit Kiko zusammen war, bin ich angestrengt von der Aufgabe und glücklich über unser wunderbares Kind zugleich.
Wenn ich sie nach dem Abendessen bei den Co-Eltern zurücklasse, weil die heute die Nacht mit ihr verbringen, freue ich mich auf meinen verdienten kinderfreien Feierabend – und kann den gleichzeitig nicht so ganz genießen, weil es nachmittags so innig war mit Kiko und ich das Gefühl habe, sie zurückgelassen zu haben.
Da frage ich mich dann auch mal, ob es sich nicht besser anfühlen würde, wie ein „normaler“ Vater auch noch die letzte Stunde des Tages damit verbracht zu haben, Kiko ins Bett zu bringen, und dafür dann die ganze Zufriedenheit einzufahren, die es mit sich bringt, erfolgreich ein Kind zu versorgen.

Gemely im Fernsehen

Hoppla, gestern wurde der TV-Beitrag über uns auf MDR ausgestrahlt. Zu sehen noch unter http://www.mdr.de/mediathek/suche/video261428_zc-485c01ae_zs-d23ba9ff.html.
Ist ganz nett geworden, leider sieht man vor allem uns Erwachsene beim Erklären oder Rumcheckern… Dabei ist Kiko inzwischen oft schon ganz schön lange sehr zufrieden mit sich selbst oder anderen Kindern beim Spielen und wird keineswegs rund um die Uhr betuddelt – ich fürchte, dieser Eindruck könnte entstehen. Andererseits kann sich jede*r denken, dass so ein Eindruck eben leicht entstehen kann, wenn ein ganzer Tag auf wenige Minuten hinuntergebrochen wird. Vielleicht darf ich auch noch hinzufügen (für Leute, die heute zum ersten Mal dazustoßen), dass wir alle vier Eltern in der Regel zwar täglich einen Vierteltag mit dem Kind verbringen, aber dafür auch einen Dreivierteltag zum Arbeiten haben 🙂

Every Breaking Wave

Vier Elternteile bedeutet auch vier verschiedene Musikgeschmäcker. Und seit Weihnachten spielt Musik eine große Rolle bei uns. Irgendwie sind mehrere Kinderlieder-CDs aufgetaucht: „Bam Bam Band“ und „Kleine Hexe Luzi Lindwurm“ zum Beispiel. Beides läuft bei uns permanent rauf und runter („kommt der Oberfördster Hamann – macht Radau am Gartentor – zaubert sie ihm itzi bitzi- eine kleine Frau ins Ohr“), und manchmal hören wir auch „Erwachsenenmusik“ – ein Wort, dass Kiko sofort ihrem Wortschatz hinzugefügt hat. Da gibt es das Radio, in unserem Fall meist „Radio Sputnik“, das auf mich wirkt wie ein stark verdünnter Abklatsch der Radiosender, denen ich als Jugendlicher gelauscht habe (SWF 3 zum Beispiel), und wo original die ganze Zeit dasselbe kommt. Schalte ich nach drei Wochen mal wieder ein, wirkt die Playlist fast identisch. Kiko findet es trotzdem nett. Aber nicht so nett wie die Musik, die ich ihr, ebenfalls seit Weihnachten, mit einigem Erfolg und einigem Haareraufen seitens der anderen Eltern nahebringe: U2, „Songs of Innocence“, genau, die Platte, mit der es sich U2 bei fast allen verdorben hat, weil sie spamgleich an 500 Millionen i-Tunes User verteilt wurde, kostenlos, ob sie wollten oder nicht. Ich bin kein i-Tunes-Abonnent und habe sie mir tatsächlich vom Christkind kaufen lassen, und ich finde die Platte total geil. Und Kiko jetzt auch. „Every Breaking Wave“ ist ein tolles Lied und auf der CD als Original- und als Akustikversion drauf; zu beidem können Kiko und ich schön zusammen tanzen. Seit zwei Wochen sagt sie von sich aus den Titel, hört sich so an wie „äwi beki wäf“.

Gestern Abend in meiner gemütlichen 16:30-Uhr-Schicht mit ihr saßen wir auf dem Sofa und haben mal wieder U2 gehört und uns zusammen das Cover angeschaut. Sie hat mich immer wieder gefragt, wie die vier Leute da heißen, und dann habe ich erklärt, dass sie zusammen U2 heißen (kann sie auch schon sagen) und dass der eine Bono und der andere Edge heißt. Bei den anderen musste ich im Booklet nachschlagen. Sie heißen Adam und Larry; ich weiß aber nicht, wer von den beiden wer ist, das habe ich ihr auch gesagt. Das Booklet fand Kiko aber auch toll, weil es nämlich zwei sind (eins für sie und eins für mich), die sich ewig lang ausklappen. Mit Kind sind einfach Sachen toll, die einem vorher gar nicht auffallen. Wie genau wir uns das U2-Gruppenbild angeschaut haben (siehe hier das Innencoverbild): Dass Bono eine Brille hat und zwei (nicht nur eine) Ketten um den Hals. Dass alle schwarze Jacken haben. Dass Bono einen Ohrring hat und der linke Typ auch. Dass die Jacken Reißverschlüsse haben, die das Licht reflektieren, sowie ein paar Knöpfe. Dass Bono schon alt ist und einen Bart hat, Edge auch, wie A-lex und ich, die wir deshalb manchmal pieksig sind beim Gute-Nacht-Kuss. Das haben wir alles enteckt, und dann kam ein Lied, da hat Kiko erklärt „Das mag ich nicht!“ und dann hat sie die „weiter“-Taste am Ghettoblaster gedrückt (sie kann schon lange ein- und ausschalten).

Dann ist Kiko noch eine Weile von der Sofalehne gesprungen und dann sind wir zu ihrer Oma gegangen, um der ein Abendbrot zuzubereiten.

Wenn Kiko selbst singt, kommt übrigens oft „im Frühtau zu Berge wir ziehn Fallera“ raus…

Blöde Trennerei.

Im Dezember habe ich mehr als einmal gedacht: ‚Wie würden wir das machen, wenn wir NICHT zu viert wären?’ Da ist Yuriko eine ganze Weile ausgefallen, war für uns alle gar nicht lustig. Aber Kiko hat so wenig darunter gelitten wie nur möglich. Erst konnte Yuriko ein paar Tage lang keine Kiko-Schichten und –Nächte machen, dann musste sie in eine Klinik. Zu dritt ist es nicht viel mehr Kinderbetreuungsarbeit als zu viert; jeden dritten Tag kommt eine Schicht dazu und ich bin ein bisschen früher wieder mit der Nacht dran. Wunder der Mathematik, ein Drittel ist kaum mehr als ein Viertel; ich glaube, mein Staunen darüber habe ich bereits ein andermal zum Ausdruck gebracht. Wir haben inzwischen auch etwa drei potenzielle Babysitter*innen am Start, mit denen Kiko gern zusammen ist bzw. von denen sie hellauf begeistert ist – das ist dann auch cool an unserem Gemeinschaftsdorf hier, dass das leicht zu organisieren ist.
Was an der Gemely-Konstruktion doof ist, ist die ständige Trennerei vom Kind. Mich lässt Kiko nicht so gerne gehen. Wenn ich ihr erkläre, was ich gleich ohne sie machen werde, sagt sie gerne „ich komm mit“. Manchmal geht das (Gang in die Speisekammer oder aufs Klo, oder meiner kranken Mutter Essen machen), manchmal nicht (arbeiten, mal eben ganz fix mit dem Rad losfahren und ein Brot aus dem Brotlagerschrank holen). Glücklicherweise findet sie meinen Mittagschlaf meistens nicht so spannend und lässt mich ohne Widerworte ziehen. Einmal habe ich sie auch dazu mitgenommen, da lag sie dann 15 Sekunden ruhig neben mir, bis sie sich aufgesetzt hat und anfing, mir Schlaflieder vorzusingen – und schließlich meinen Kopf hochdrückte, damit ich wieder aufstehe.
Jedenfalls ist es total blöd, wegzugehen, wenn Kiko das nicht will und weint. A-lex sagt ganz richtig, dass sie damit gleich wieder aufhört, sobald ich weg bin. Das glaube ich auch. Manchmal sehe ich Kiko mit ihm oder Emma aus der Ferne und sie ist zufrieden und entspannt. Aber für mich ist das doof, die Trennerei. Ich fühl mich blöd damit. Deshalb lasse ich sie auch ganz gern nochmal mitkommen, wenn ich zum Beispiel kurz irgendwo hinmuss und sie mitwill, auch wenn es gar nicht mehr in „meiner“ Kinderzeit liegt. Natürlich mache ich das nicht, wenn A-lex, Emma oder Yuriko gerade mit ihr beschäftigt sind. Aber abends zwischen halb sieben und acht ist ja zum Beispiel sowas wie Kinderbetreuungs-Niemandsland. Da nehme ich sie dann vielleicht mal mit, um meinen Bauwagen anzuheizen, obwohl zum Beispiel Emma die Nacht macht und ich ihrem Gesicht anzusehen glaube, dass sie findet, dass das jetzt doch gar nicht nötig wäre, so sehr auf das Kind einzugehen – Kiko könnte ja auch mal lernen, dass es ganz normal ist, dass Erwachsene rausgehen und ein paar Minuten später wiederkommen. Aber mir setzt es halt zu, mich von der Kleinen zu trennen, wenn sie das lieber nicht will.
Vor allem sind natürlich die Situationen schwierig, in der meine Schicht zu Ende geht und eine andere anfängt. Da gilt es, der nachfolgenden Person eine Möglichkeit zu geben, gleich mit Kiko einzusteigen, damit ich dann gut gehen kann, ohne Tränen. Da Yuriko nach wie vor Kikos Obermami ist, ist es mit ihr am wenigsten ein Thema. Mein Impuls wäre eigentlich, einfach wegzugehen, sobald Kiko anderweitig beschäftigt ist – davonschleichen. Ich hab mich aber von den anderen überzeugen lassen, dass es besser ist, Kiko klipp und klar zu sagen, dass ich jetzt gehe. Auch wenn sie das manchmal meisterhaft ignoriert und mich keines Blickes würdigt, wenn ich da stehe und verkünde, dass ich jetzt gehe. Yuriko verabschiedet sich immer sehr gründlich von Kiko, setzt sich hin und erklärt es ihr… Dabei habe ich auch ein komisches Gefühl. Dadurch muss sie sich das ja richtig reinziehen, das was Doofes passiert (=dass Yuriko geht). Aber keine*r von uns weiß letztenendes, wie es Kiko womit wie gut geht.
Oft klappt es reibungslos, dass Kiko nach dem Aufwachen mit mir sich zum Beispiel neben Emma auf die Küchenarbeitsplatte setzen lässt und mit ihr den Morgensmoothie zubereitet, Pülverchen hiervon, Löffelchen davon. Und ich dann Tschüss sage und in mein Büro gehe.
Oder dass sie nachmittags schon angefangen hat, mit A-lex Bauklotz-Türme zu bauen, während ich mir noch einen Kaffee gekocht habe. Und dann kaum reagiert, wenn ich gehe. Das sind jedenfalls die guten Abschiedsmomente. Ich überlege schon, wie ich doofe Momente vermeiden kann. Nicht nur wegen Kiko, wie gesagt. Sondern wegen mir. Doofe Trennerei.

Kilysses

(18:30 Uhr) …Abendessen Kartoffeln, Suppe, Sauerkraut im Salatblatt, interessiert alles nur beschränkt. Lieber auf der Bank rumlaufen und hinter Heikos Rücken verstecken, dann runter auf den Boden und da die Buchstaben in Schüsselchen packen…
Heiko redet vom Baden und dass wir eine Schüssel mit in die Wanne nehmen könnten.
Ich hole große Spülschüssel, schwer! Heiko sagt, die ist zu groß, holt eine kleine Plastikschüssel. Emma sagt, nimm eine ohne Deckel, die kann dann im Bad bleiben.
A-lex geht arbeiten, Emma sagt gute Nacht.
19:00 Mit Heiko ins Bad. Zwischen Haus und Bad ist es kalt, er zeigt mir den Mond, heute ist er ganz groß und rund. Ist eine Spinne in der Wanne? Nein, heute nicht. Wasser rein. Spritzt und dampft! Heiko zieht sich aus und dann zieht er mich aus. Hurra, Nackedei. Huch, der Steinboden ist wieder kalt, wie am Montag. Auf den Holzbrettern sind die Füße warm. Na, so was! Heiko geht in die Wanne, ich aber nicht! Ich muss noch auf dem Boden hüpfen und im Bad herumrennen.
Heiko plantscht mit Flaschen und der Schüssel. Schon interessant. Aber ich will nicht ins Wasser. Aber die Flaschen…? Ach jetzt will ich doch rein. Das Pferdchen kommt mit! In die Schüssel damit. Waschen. Ich brauche Seife! Pferdchen waschen. Er macht Seife auf seine Haare und gibt mir was von dem Schaum. Ich brauche mehr! Heiko gibt mir etwas Seife. Und da sind noch andere Seifenflaschen, ich will was davon. Heiko gibt mir was und sagt, das ist was Besonderes, richt ganz gut. Riecht wirklich! Er sagt, damit kann ich den Bauch einseifen. Gute Idee, mach ich. Bauch riecht gut und wird ganz sauber. Er wäscht mir auch den Popo damit. Da ist noch eine andere Seifenflasche, will ich auch probieren! Riecht auch gut. Auch Bauch einseifen. Jetzt plantscht er mit den Flaschen, ich auch! Aufs Pferdchen drauf. Pferdchen kann sich in die Flasche setzen. Wasser drauf! Das könnte ich ewig machen. Wasser trinken! Heiko guckt komisch, da trinke ich gleich noch viel mehr von dem Badewasser. Irgendwann setze ich mich hin. Warmes Wasser! Auf Heikos Bauch spritzen. Er quiekt! Mach ich nochmal und nochmal.
Irgendwann steht er auf. Ich darf den Stöpsel ziehen. Heiko trocknet sich ab und mich auch. Handtuch mit Kapuze. Heiko zieht sich an, ich nicht! Kerzen auspusten, das ist aber schwierig. Heiko sagt, ich soll aufpassen, nicht so nah rangehen. Ich puste wie verrückt, irgendwann gehen sie aus. Heiko nimmt alle Sachen und mich auf den Arm und wir gehen ins Haus. Draußen ist es kalt!
Im Haus: Aufs Sofa. Heiko fragt, ob ich aufs Töpchen will, nein! Windel anziehen, na gut. Schlafanzug anziehen. Hausschuhe, nein! Essen!
Jetzt esse ich noch ganz viele Kartoffeln. Heiko wundert sich. Dann gehe ich nochmal zu meinen Spielsachen, Heiko putzt seine Zähne.
Dann putzt er meine Zähne. Erst ich selber! Dann er. Ich mache den Mund auf. Gar nicht schlimm. Heiko hat ja erklärt, dass die Zähne sonst kaputt gehen, wenn man sie nicht sauber macht. Sauber und kaputt kenne ich gut. Hände werden mit Wasser sauber und manches, was kaputt ist, „kann man nicht reparieren“.
Nach dem Zähneputzen, ausspülen: Wasser ins Waschbecken spucken. Nochmal! Nochmal!
Jetzt kommt A-lex und sagt, oh, noch da? Ist schon neun Uhr. Heiko sagt, wir gehen jetzt auch hoch und irgendwas von „hat viel Energie heute“ oder so.
Oben im Schlafzimmer, ich mach das Licht am Bett an! Ganz hell! Heiko macht das große Licht aus und zieht sich aus und legt sich hin. Buch anschauen! Noch eins, noch eins, noch eins, alle aufs Bett tragen. Hinsetzen. Decke! Kuscheln. Hinsetzen. Aufstehen, auf der Matratze balancieren. Höhle. kuscheln. Hinsetzen. Heiko hört immer auf zu lesen, wenn ich wieder aufstehe. Wenn ich wiederkomme, liest er weiter. Dann sagt er „bleib doch mal liegen!“ Hinsetzen. Decke! Kuscheln. Hinsetzen. Anderes Buch. Immerhin, das Froschbuch, da bleibe ich liegen. Der Frosch springt in den Teich. Badehose an. Und der Frosch quakt im Duett. Und der Frosch schläft auf dem Blatt. Buch aus? Weiter lesen. Nochmal. Decke. Hinlegen. Dann weiß ich nicht mehr was passiert ist. (22:00 Uhr).

Bevor ich wieder aufwache, träume ich von Chia-Brei und essen und trinken.

(8:15 Uhr) Als ich die Augen aufmache, ist Heiko auch schon wach. Runter gehen! Da ist schon Emma. Hat den Ofen angemacht. Gleich anziehen, neue Windel bekomme ich auch. Ich will nicht aufs Töpfchen gehen. Emma gibt mir eine B12-Tablette, au ja! Jetzt: warme Milch! Emma macht mir Milch warm. Heiko isst Marmeladenbrot, ich will auf seinen Schoß und Marmelade naschen, Emma sagt was, das klingt nicht so gut. Dann macht Heiko mir ein eigenes Stück Brot. Wasser trinken. Runter. Emma ist bei mir, Heiko sagt Tschüs und geht weg. (9:00 Uhr)

[Pilze sammeln mit Emma…]

11:00 Uhr: Ich esse Brot mit Tahin mit Emma. Heiko kommt. Schoß! Mehr Brot. Noch ein Brot mit Tahin. Die Sonne scheint, Heiko und Emma sagen so schön, so gemütlich, tolles Wetter. Emma geht weg. Heiko will raus gehen. Mehr Brot! Brot komm mit raus! Heiko macht mehr Brot, ich hole eine Schüssel für das Brot. Rausgehen, ich will gar nicht, Heiko geht raus und fegt vor der Tür, ich auch! Ich laufe raus, aber Heiko muss mir erst Hose anziehen, Schuhe, Jacke, Mütze, Brot komm mit. Draußen: Regenschirme in das Gitter stecken. Helfen! Heiko geht weg, Holz hacken, ich gehe hin, er sagt, ich kann das Holz in die Kisten legen. Mache ich, passt aber nicht viel rein, wenn ich es in die Kisten lege. Sieht auch anders aus als sonst. Heiko hackt so lange großes Holz am anderen Hackklotz. Heiko holt eine große Kiste fürs große Holz, als er wiederkommt, bin ich fertig mit sammeln, er freut sich und sagt Dankeschön, ich sage Dankeschön, Bitteschön. Das große Holz muss in die große Kiste, das ist schwer! Heiko sortiert das kleine Holz nochmal und bringt es weg. Dann trägt er die große Kiste weg. Jetzt sagt er was von Lampen, ich auf seinen Arm, komm mit! Er geht in ein kleines dunkles Haus, da ist es ganz warm drin. Er schaut das Licht an, ist viel zu dunkel, brauchen wir anderes Licht. Er geht wieder zu seinem Bauwagen, ich bin auf seinem Arm, im Bauwagen sind noch Lampen aber er sagt was von Bestellen und na gut. Na gut!
Jetzt trägt er mich nach vorne, er sagt Werkstatt und erklärt, dass er da eine Thermoskanne sucht. Thermoskanne! Thermoskanne. Hat er verloren oder vergessen. Wir gehen in die Werkstatt, da ist Johannes. Johannes zeigt mir ein Stück Holz, neulich hat er an diesem Stück Holz gearbeitet, jetzt sieht es anders aus. Neulich hat er mir eine Art Gitarre gezeigt, die sieht so ähnlich aus wie das neue Holz. Aha. Wir suchen jetzt die Thermoskanne. Heiko schaut überall, lässt mich runter, ich schaue in der Kiste, da ist nur Holz, keine Thermoskanne. Harry kommt zu Johannes und die beiden reden. Die suchen nicht die Thermoskanne. Irgendwann sagt Heiko: Keine Thermoskanne. Ich habe immer noch mein Stück Brot. Auf einmal sitze ich im Manduca in Heikos Arm. Auch recht. Wir gehen raus in den Wald. Auch recht. Ich sage Thermoskanne, Thermoskanne, vergessen, singe ein bisschen und dann… weiß nicht. (12:10 Uhr)
13:15 Uhr: Ich bin im Manduca, Heiko trägt Teller, wir gehen zu Oma und bringen ihr was zu essen, auch Löffel und Messer. Dann gehen wir nach Hause und ich darf wieder runter, Jacke und Mütze und Schuhe ausziehen, A-lex und Emma sind auch wieder da…

Gedanken slash Grübeleien

Na so was, jetzt schreiben sie auf einmal alle wieder. Und es ist so schön, von den anderen zu lesen. Da bekomme ich Lust, auch ein paar Zeilen beizutragen. Ich bin gerade sehr verliebt in unser Kind, und obwohl ich ihm überhaupt gar nicht jeden Wunsch erfülle, niemals, ist das ein Thema für mich: Wohin mit der Liebe. Ist es überhaupt Liebe? Es ist so eine komische Sehnsucht, eine Sehnsucht danach, dass Kiko nicht verletzt wird. Ich weiß gar nicht, woher das kommt. Schau ich mir zu viele krasse Serienfolgen oder Filme an (Tatort „Familiensache“ vorgestern, meine Güte!) oder wie komme ich überhaupt darauf, Angst um Kiko zu haben? Manchmal stelle ich mir vor, dass ihr irgendwer weh tun könnte, im Krieg oder so, das ist schrecklich. Und ein bisschen ist das immer dabei. Heute bin ich mit ihr ins nächste Dorf gefahren (Auto), was sie prima fand, hat die ganze Zeit gesungen und erzählt und hat die Tüte von der Apotheke getragen und auf dem Bordstein balanciert. Und ich war die ganze Zeit ein bisschen angespannt – es könnte ja irgendwas passieren, sie könnte auf die Straße laufen oder so… Da habe ich darüber nachgedacht, dass ich wohl auch zu Hause stets ein bisschen angespannt mit ihr bin. Ich kann nicht einfach Heiko sein und faul herumliegen – ich muss verantwortliche Bezugsperson sein. Ich glaube nicht, dass alle Eltern immer dieses Gefühl haben.
Gleichzeitig ist unser Kontakt ausgezeichnet, wir verstehen uns richtig gut, da wird erklärt und gelacht und selbst Anziehen oder Zähneputzen sind gerade überhaupt nicht schwierig. Und ich finde selbst grässlich, dass meine Mutter, die auch hier im Dorf lebt, sich ständig Sorgen um Kiko macht: Weil ich nicht zulasse, dass sie im Schreibwarenladen Schokolade und in der Sparkasse jedes Mal ein neues Stofftier geschenkt bekommt (ich hab den Fehler gemacht, das meiner Mutter zu erzählen), weil ich sie auf dem Stuhl herumklettern lasse, weil das Kind ihrer verqueren Meinung nach nicht warm genug angezogen ist usw. usf.
Lustigerweise hat Kiko seit letzter Woche eine neue Gelegenheitskinderbetreuerin bekommen, eine 16-jährige, die ziemlich zufällig auf Kiko gestoßen ist, die Kiko aber sehr mag und von Kiko auch ganz gefunden wird. Und die – nennen wir sie mal Jasemin – ist anscheinend total locker und souverän mit unserem Kind. Ich hab ein voll gutes Gefühl, wenn die beiden zusammen sind. Und das finde ich irre: Diese junge Frau kriegt das scheinbar leichter hin als ich. Dabei hab ich schon ganz ansehnliche Projekte gestemmt. Vater sein ist nach wie vor ein großes und auch schwieriges Ding für mich.
Als ich mitbekommen habe, dass Jasemin morgen Zeit habe, habe ich ihr meinen ganzen Kiko-Vormittag übergeben. Hab ich mich jetzt gedrückt? Oder ist das erlaubt? Ich hab viel zu tun und die Vorstellung, den Vormittag über zu arbeiten, ist viel entspannter für mich als den Vormittag über das Kind zu betreuen. Irgendwie krass.
Aber dann, auch wieder so ein Gedanke: Wenn ich jetzt nicht in so einem Umfeld leben würde, wo völlig selbstverständlich ist, dass wir uns reproduktive Arbeiten wie Kinderbetreuung teilen; wenn ich ein „normaler“ voll berufstätiger Vater und z.B. Yuriko eine Hausfrau-Mutter wäre, dann wäre es wiederum total normal und sogar perfekt, wenn ich mit Arbeiten-gehen zufrieden wäre (vorausgesetzt, meine Frau wäre gern beim Kind zu Hause). Und jetzt finde ich es „irgendwie krass“.

Neulich (das jetzt der letzte Gedanke für heute) hab ich mich gefragt, ob Kiko gerade in einem Alter ist, das mich besonders herausfordert. Weil sie schon selbständig ist, die Bezugsperson aber noch sehr stark braucht und fordert. Ob es für mich wieder leichter wird, wenn ich in der Zeit mit ihr Lego baue und dabei Geschichtenschallplatten höre, wenn ich wieder etwas lockerer werden kann und nicht mehr so viel Verantwortung trage, weil sie sich dann selbst besser beschäftigen kann und ich nicht versuchen muss, jederzeit für sie nachvollziehbar zu handeln.

Und dann denke ich auch wieder, dass genau die Herausforderungen und die Zweifel, die bei mir immer dabei sind, meine größte Entwicklungschance sind.