Baustelle & Babys

Da ist er, unser Nadelöhrsommer: Die Bauarbeiten für unser großes neues Haus haben begonnen, ich (Heiko) bin viel damit beschäftigt, A-lex hat neben seiner Ganzjahresfirma auch noch seine Sommerarbeit aufgenommen, Emma hat auch noch einige berufliche Verpflichtungen, Yuriko ist immer für alle Kinder da und die Zwillinge schlafen längst nicht mehr den ganzen Tag. Es ist der Wahnsinn. Und gleichzeitig machbar und sogar schön und manchmal sogar einfach. Obwohl ja jetzt rein rechnerisch immer nur eine*r von uns vieren was anderes machen kann als ein Kind zu betreuen. Abgesehen von der Zeit, die der Kindergarten uns verschafft, damit ist Kiko ja wenigstens werktags vormittags gut versorgt.

Im derzeitigen Alter braucht tatsächlich jedes Kind meist eine erwachsene Bezugsperson. Die Zwillinge zu zweit zu nehmen, das geht nur, wenn sie schlafen (nachts schlafen sie glücklicherweise ziemlich gut und lang) Inzwischen wollen sie bespielt werden oder herumgetragen, abgesehen vom Wickeln und Füttern. Und Kiko fordert ihren Platz vehement ein – es kommt vor, dass sie sich auf Yurikos Schoß wirft und versucht, den zu besetzen, bevor jemand ein Baby draufsetzt, damit Yuriko stillen kann. Da braucht es Verständnis und Fingerspitzengefühl, bei all der nötigen Klarheit darüber, dass sie kein Baby zwicken oder treten darf. Eigentlich ist sie sehr süß zu ihren Brüdern – aber eben auch voller Energie und auch voller widersprüchlicher Gefühle. Sie kann schon sehr selbständig sein – aber manchmal ist sie Baby und „das Baby kann noch nicht laufen und muss herumgetragen werden“. Sie turnt den ganzen Tag herum und jetzt im Sommer erinnert sie uns an die glücklichen und pfiffigen Kinder aus Astrid Lindgrens Büchern.

Heute war ein so heißer Tag, dass wir die Babys draußen nackt auf eine Decke legen konnten (bei Jungs immer spannend: wohin werden sie pinkeln?). Noam, der immer noch größere, fand das ganz wunderbar, hat gegluckst und sich gefreut und sich dann zum ersten Mal alleine auf den Bauch gedreht (und den Arm darunter befreit). Ta wollte davon noch nichts wissen, obwohl er andere Dinge gut kann: Greifen, mit den Händen spielen, alleine einschlafen. Wie Emma geschrieben hat: ganz verschiedene Personen werden das. Sie staunen sich an, wenn sie nebeneinander liegen, jeder von ihnen wird immer seinen Bruder haben – das ist was Besonderes.

Wie geht es mir?

Na ja, man wächst mit seinen Aufgaben. Die Baustelle ist gut durchgeplant und vor meinem geistigen Auge ist es schon Winter und ich mach noch den Innenausbau fertig… Momentan habe ich fantastische Hilfe – wer in Gemeinschaft lebt, darf sich immer wieder über schöne menschliche Überraschungen, zum Beispiel in Form von tollen netten Mithelfer*innen freuen, die einfach unverhofft auftauchen. Das Fundament ist gut geworden, alles passt genau. Bald geht der Holzbau los. Und ich habe tatsächlich noch Zeit für einen Blogeintrag (abends um 22 Uhr, bevor ich gleich noch arbeite). Ich habe Kiko ins Bett gebracht und sie schläft ein paar Meter neben mir. Normalerweise schlafe ich mit ihr ein und wache dann erst nach Mitternacht wieder auf und arbeite dann; aber heute war es noch so hell und sie so müde – da kam ich noch mal hoch.

Ich denke schon manchmal daran, was ich mache, wenn das Haus fertig ist. Das ist ein gutes Zeichen, ich halte es also auch unterbewusst für machbar, unser Projekt.

Heute war Sonntag und ich hatte mit Yuriko die Babys. Gestern habe ich gestaunt, als Emma gesagt hat, dass Noam ja immer nur einschläft, wenn man im Manduca ein Tuch über ihn legt: Das wusste ich nicht. Als Kiko klein war, wussten alle Eltern immer alles über sie. Bei den Zwillingen war es bis jetzt schon oft so, dass ich halt „einen Zwilling“ herumgetragen habe und fast egal war, wer es war. Heute hab ich mich mal etwas besser konzentriert und den Vormittag mit Noam verbracht. Im Gegensatz zu Kiko damals schläft er nicht besonders fest, wenn er im Manduca sitzt und ich mich mit ihm hinsetze, um zu lesen. Alle paar Minuten musste ich eine weitere Runde ums Haus drehen (mit Tuch über ihm), damit er weiterschläft. Dann kam Kiko irgendwann unglücklich mit ihrer Babysitterin zurück, sie wollte sich nicht von ihr betreuen lassen. Emma und A-lex waren eigentlich für Kiko zuständig, hatten sich aber einen Paarvormittag organisiert. Anstatt sie da rauszureißen, hab ich Noam auf die Decke gelegt und Kiko dort Brote geschmiert, so haben wir eine ganz nette Zeit verbracht. Bis Yuriko mit Ta kam und wir zu fünft waren – wenn Yuriko dabei ist, finde ich es eh immer leicht (im Zweifelsfall gibt es dann die Brust).

Unter der Woche ist es nicht immer einfach; dadurch, dass so viele Eltern immer zusammen sind, gibt es auch oft Missverständnisse oder Unklarheiten, die nicht leicht zu klären sind, weil Kiko ja meistens dabei ist und alles versteht. Wir wollen nicht (auch wenn wir nicht schaffen, das ganz zu unterlassen), dass Kiko uns darüber reden hört, dass wir die Kinderbetreuung als Dienst oder Last empfinden oder der Meinung sind, jemand anderes „wäre jetzt dran“ oder so was. Obwohl es durch die ganzen anderen Verpflichtungen natürlich schon auch eine Belastung ist, immer für die Kinder da zu sein. Ich sage ehrlich (und hab das ja schon immer gesagt): Die Kinderbetreuung ist die größte Herausforderung. Dagegen ist die Baustelle was Einfaches. Eine halbe Million Euro Finanzierung auftreiben, Bauleitungsverantwortung übernehmen, morgens um 7 anfangen zu schaufeln, schleppen oder zu sägen: alles leicht verglichen damit, die Kinder liebevoll durch einen weiteren Tag zu begleiten. Aber auch das schaffen wir. Tolle Gemely.

Viel vor. Keine Zeit für Blog…

2016 haben wir viel vor. Wir bauen ein Haus und ich als einstmals ausgebildeter Zimmermann muss kräftig mithelfen, damit wir das auch bezahlen können. Wenn ich dadurch weniger Kinderdienste machen kann, müssen die anderen mehr tun, obwohl insbesondere A-lex beruflich auch schon ausgelastet war. Blogschreiben wird jedenfalls zum Luxus, wahrscheinlich komme ich in den nächsten Monaten überhaupt nicht mehr dazu. An den Kindern haben wir kaum versucht, Zeit zu sparen: Für die Zwillinge sind immer zwei Eltern eingeplant, in den nächsten Monaten neben der momentan fast 100-%-igen Mutter Yuriko vermehrt Emma (ja, dieses Jahr wird es so sein, dass die Gemely-Mitglieder mit Gebährmutter mehr Kinderdienste machen als die ohne Gebärmutter – aber wenigstens in vollem Bewusstsein dieser Tatsache). Und Kiko hat weiterhin fast zu jeder Zeit einen Elternteil für sich.

Letzteres hat, glaube ich, ihren Übergang vom Einzelkind zum Geschwisterkind sehr abgepuffert. Für uns Erwachsene ist die Freizet sehr viel weniger geworden, aber ihre Zeit mit einem Elternteil ist fast gleich geblieben. Sie ist sehr süß zu den Babys und gibt sich jetzt auch mal mit dem „Vorderschoß“ (ihr Begriff) zufrieden, wenn der eigentliche Schoß von einem Baby belegt ist, z.B. weil Yuriko gerade stillt. (Sie sitzt dann kurz vor dem Knie des Elternteils). Dass sie ihre Bedürfnisse für die Babys tatsächlich groß zurücksteckt, kann mensch nicht behaupten, aber das wäre wohl zu viel verlangt für ein dreieinhalbjähriges Kind. Sie findet dann ganz pragmatisch „jetzt kannst du ihn doch mal weglegen“, wenn sie auf einen vom Baby belegten Arm will. Und in den letzten Wochen habe ich sie auch lauter und manchmal (Achtung, unzulässig vereinfachendes Adjektiv:) nerviger erlebt in gemeinsamen (Essens-)Situationen. Sie hat wohl schon das Gefühl, ihren Platz behaupten zu müssen und trompetet laut in Gespräche oder so. Vielleicht hat es auch mit dem Alter zu tun. Neulich hatte ich zwei Stunden mit ihr, da habe ich sie gar nicht wiedererkannt, da war es wirklich, als „spiele“ sie eine total ungehaltene Erwachsene, rief dauernd „Mann!“ und dann erklärte sie leise vor sich hin, was sie völlig unmöglich findet (es war aber alles ausgedacht).

Ich sehe das interessiert und manchmal verwundert. Meistens ist der Kontakt mit ihr sehr innig. Und sie kommt auf sehr lustige Spielideen und kann schon messerscharf schlussfolgern. Nachts wachte sie auf, als ich am Schreibtisch saß und arbeitete, und rief „ich will kuscheln!“. Und ergänzte mit dem Lächeln der Erkenntnis und einem Tonfall des Schulterzuckens: „Und dafür brauch ich dich natürlich!“ Da lege ich mich doch gern dazu.

Die Zwillinge machen jetzt schon lustige Geräusche und endlich können wir sie ohne riesigen Aufwand mit nach draußen nehmen. Das Zwillingstragedings verstaubt im Schrank, wir sind mit Manduca und Tragetuch unterwegs sowie mit unserem Zwillingskinderwagen. Da schlafen die beiden schnell ein und schlafen lange. Überhaupt, am Abend wird oft geweint, da tun die Bäuche weh oder so; den Rest der Nacht und tagsüber sind die beiden ganz zufrieden und wir dann natürlich auch. Immer noch unfassbar, dass wir jetzt drei Kinder haben.

Es gäbe so viel zu erzählen, aber ich muss schon gleich wieder los. Vielleicht das noch: Wir haben uns vorgestern ganz konkret zur Frage getroffen, wie wir gemeinsam fürs Alter vorsorgen wollen, und haben dabei unabhängig voneinander den Wunsch erklärt, am besten für immer eine Familie zu bleiben und z.B. das Geld zu teilen, auch, wenn die Kinder mal aus dem Haus sind. Obwohl keine*r vorhersagen kann, was wir dann für Bedürfnisse haben. Natürlich kann es immer sein, dass eine*r mal auszieht oder so. Aber das Treffen war schon was Besonderes.

Ich wünsche einen schönen Sommer! Vielleicht könnten wir im Baugäste gebrauchen (die auch wirklich mit anpacken können, z.B. ab August zum Strohballeneinbau; unser Haus wird mit Strohballen gedämmt) oder jemanden, der sich als Entlastung mit um die Kinder kümmert, ggf. könntest du einen Kommentar hinterlassen, dann melden wir uns (bitte stets geduldig sein, bei uns allen vieren bleiben gerade Mails liegen…)

Leben zu siebt

Die Zwillinge sind da!

Und haben aus einer ganz normalen, beschaulich das Leben genießenden Gemely (so nennen wir unsere Co-Elternschaft aus vier Erwachsenen und bisher einer 3-jährigen Tochter) einen 7-köpfigen Dauerbeschäftigungszustand gemacht.
Die gute Nachricht: Wenn ich alle drei Tage 24 Stunden lang zusammen mit der Milch pumpenden und stillenden biologischen Mutter Babydienst habe, bin ich danach weich und glücklich. Komme gut damit klar, dass wir vier Erwachsenen jetzt viel öfter zusammen sind und mit unseren jeweiligen Schrullen leben müssen, und stecke auch den verpassten Schlaf der Babynacht gut weg.
Freizeit ist allerdings selten geworden und beruflich sowie ehrenamtlich muss ich mich auch rarer machen. Zu sehen, wie wenig Schlaf die Biomutter (meine Partnerin) bekommt, ist betrüblich, und dass wir überhaupt keine Zeit mehr nur zu zweit haben, sollte bitte kein Dauerzustand werden.

Was bisher geschah

Eigentlich hatten wir uns zu fünft sehr gut eingerichtet. Unser erstes Kind gedeiht prächtig und macht im Alter von bald dreieinhalb Jahren so richtig viel Spaß. Wir wollten auch deshalb noch ein Kind, weil wir ihr ein Geschwisterchen gegönnt haben; noch jemand, der in einer (trotz des großen Erfolges) leider doch ungewöhnlichen Familienkonstellation aufwächst.
Dass sich da zwei Kinder in den Bauch geschlichen haben (und so schnell: Am Abend der Entscheidung für ein zweites Kind wurde schon gezeugt!), war eine Überraschung. Und hat leider dazu geführt, dass die Biomutter vor der Niederkunft drei Monate liegen musste und die Zwillinge nach der Geburt noch 6 Wochen in Krankenhäusern aufgepäppelt werden mussten. Aber am 22. Januar durften sie nach Hause, und dort haben wir unser Wohnzimmer zum Babyschlaflager umfunktioniert.

Alles neu

Während wir vorher für jeden Elternteil den komfortablen Rhythmus von drei freien Nächten und dann einer Nacht mit dem Kind gepflegt hatten – tagsüber waren dank Kindergarten meist sogar nur noch zwei Bezugspersonen nötig, die sich die Nachmittagsbetreuung teilten – haben wir jetzt jeweils nur noch alle drei Nächte frei, die Biomutter Yuriko gar nicht: Jeder nicht-milchgebende Elternteil hat 24 Stunden Babydienst mit Yuriko, von Abend bis Abend, dann eine Nacht frei, dann einen Abend das „große“ Kind. Dann wieder Baby, frei, Kind. So sind immer zwei Leute mit den Zwillingen beschäftigt – entweder gleichzeitig, wenn beide Hunger haben oder Bauchweh oder sonstwie bespaßt werden möchten – oder einer für beide Babys, damit die andere Person zum Schlafen kommt. Gestern Abend zum Beispiel hat A-lex die Nacht mit unserer Tochter gemacht, das heißt, er schlief in ihrem Zimmer. Emma hatte frei und hat sich nach ein bisschen Kuscheln mit A-lex in ihren Bauwagen verzogen. Yuriko konnte nach Stillen und Essen und Pumpen um halb elf endlich schlafen gehen und ich blieb bis halb vier Uhr morgens bei den Babys: Füttern, wickeln, herumtragen, dazwischen (mit dem jeweils am hörbarsten meckernden Baby auf dem Arm) eine Folge Serie gucken und später sogar noch etwas arbeiten (find ich immer witzig, wenn meine Mails um 3 Uhr nachts verschickt werden, das macht doch was her…). Um halb vier Übergabe an Yuriko und vier Stunden schlafen, dann wieder Einsatz für die Babys mit etwas Computerarbeit nebenbei. Heute Vormittag habe ich getippt, dabei 80-Jahre Platten gehört (Men without Hats, Bananarama) und beide Babys haben zufrieden vor sich hin gedöst – ein toller Moment.

Wie weiter?

Nach etwa zwei Wochen Babys im Haus ist immer noch alles neu. Einerseits überkommt mich zuweilen Panik, wie wir das alles schaffen sollen: Wer verdient jetzt eigentlich noch das Geld für uns sieben? Wir wollen in diesem Jahr ein Haus bauen! Wann soll ich alles schaffen, was um mich herum zu tun ist?
Andererseits leben wir ein absolut intensives Leben ganz im Moment. Die Babys wachsen und sind gesund, das Allerwichtigste. Jede neue Woche mit ihnen wird wieder einzigartig. Wir bewähren uns, einzeln wie zusammen. Wir schaffen es, unsere Tochter sanft ins Leben einer Schwester zu führen (jetzt hat nicht mehr jeder sofort Zeit für sie und sie kann auch nicht mehr so wild herumtoben wie früher, wenn die Babys in der Nähe sind). Wir kriegen immer noch ganz schön viel gebacken (unser Hausbauvorbereitungsprozess läuft gut) und manchmal habe ich auch einfach frei: Morgen Vormittag kann ich machen, was ich will.

Auch den heutigen Abend habe ich zur freien Verfügung, und als ich mich dann von der Familie gelöst hatte und in meinem Zimmer stand, stellte ich fest: Ein freier Abend verursacht mir ein bisschen Stress. Frei haben ist jetzt so was Besonderes, dass ich unbedingt was draus machen muss.
Ich wusste, dass am anderen Ende des Dorfes eine Party stattfindet, und obwohl ich nicht eingeladen war, bin ich durch Nacht und Regen mit Schnaps und Zitrone zu dieser Party gewandert. Ich habe mir nämlich neulich aus einer Laune heraus seit 25 Jahren zum ersten Mal wieder eine Flasche Tequila gekauft, und auf einer Party Tequila zu trinken, das wäre schon ein besonderer Zeitvertreib für den freien Abend. Die Party hat sich als sehr kleine und sehr junge geschlossene Gesellschaft entpuppt, gruppiert um ein paar Teelichter, und da bin ich dann sehr schnell wieder abgezogen. Vater von drei Kindern versucht verzweifelt, einen drauf zu machen?
Ficht mich nicht an, ich habe es versucht und darf jetzt auf den bewährten Plan B zurückgreifen: Folge Serie gucken (House of Cards), Chips, lesen. Und ich erwäge, den Tequila allein zu probieren. Einmal frei in drei Tagen, das ist einfach wenig. Wie war das, Salz, Schnaps, Zitrone: Uaaah.

Alles wird gut

Hallo in die Runde!

Unsere Zwillinge sind jetzt zu Hause – seit drei Tagen herrscht Chaos im Häuschen. Die zwei Väter sind gleich schnupfenkrank geworden, die biologische Mutter ist dauerschlafentzogen und die Co-Mutter plagt sich mit Brustmassage und Brusternährungsset herum, damit sie auch mit stillen kann… Die Schwester ist quirlig und die Zwillinge selbst tagsüber schläfrig und nachts für allerlei Überraschungen gut (wach sein, dauerdrücken, spucken). Alle sind so ein bisschen in die Knie gegangen, würde ich sagen.
Meine eigene Verwirrung löst sich gerade so ein bisschen, zusammen mit meiner Erkältung. In den letzten Tagen konnte ich das gar nicht einordnen, was da mit unserem Leben passiert ist. War doch alles so schön eingespielt… Und diese beiden „neuen“, werde ich die je so in mein Herz schließen können wie unsere Tocher?
Jetzt seh ich wieder Licht. Ich bin allein in der Wohnküche, die beiden schlafen und geben dabei den einen oder anderen Knarzlaut von sich… Spätestens 23:00 Uhr (Zwilling Nummer 2, Fläschchen) bzw. 24:00 Uhr (Zwilling Nummer 1, Muttermilch) wird wieder getrunken, bis dahin hab ich Freizeit. Fühlt sich wie ein freier Abend an, ich hab sogar Chips und Cola hier. Alles wird gut…

Pistole

Kiko hat mich heute gefragt, was eine Pistole ist. Ich hab es ihr erklärt. „Wer macht eine Pistole“, wollte sie dann wissen. Die große Frage danach für mich: Warum ist es erlaubt, Dinge zu bauen, die Löcher in Menschen machen, die ihnen ganz doll weh tun oder dazu führen, dass sie tot umfallen?
Bei uns ist es noch nicht mal erlaubt, die Füße auf den Esstisch zu legen.

Jetzt sind die Zwillinge in eine näher gelegene Klinik gezogen, wir fahren nur noch eine halbe Stunde (wenn es nicht gerade spiegelglatt ist) mit dem Auto und 55 min mit Bus und Rad, und Yuriko hat dort auch ein Zimmer. Und: Ich bin heute Morgen aufgewacht und habe die Babys vermisst. Nicht so sehr, dass ich gleich hingefahren wäre (Rabenvater, s.u.), aber doch immerhin. Ich habe sie gestern (eigentlich „mein Zwillingstag“ mit Yuriko) nur kurz gesehen, weil ich Kiko dabei hatte und auch nur wenig Zeit. Ich musste nachmittags zu Hause Brennholz sägen, und Kiko findet ihre Brüder immer nur sehr kurz spannend und will dann spielen. Immerhin gibt es in der neuen Klinik eine ziemlich gut ausgestattete Spielecke mit Spielbaby und Spielkinderwagen, damit kann sie durch die Gegend sausen.

An „meinem“ vorletzten Zwillingstag war ich gar nicht bei ihnen, weil das der Tag ihres Umzugs in die neue Klinik war. Da hätte ich auch nur den Vormittag gehabt, wegen nachmittäglichen Terminen, und dann kamen sie so spät in der neuen Stadt an, dass sich das Hinfahren (eh wieder mit Kiko) nicht mehr gelohnt hätte.
Damit hatte ich jetzt eine Woche keinen echten Babykontakt mehr, kein Wunder, dass ich sie vermisse.

Es ist aber in den vergangenen zwei Wochen ohne Kindergarten auch mörderisch (verglichen mit vorher) gewesen: Zu dritt betreuten wir Kiko, aber alle drei Tage fuhr eine*r von uns dreien den ganzen Tag zu den Twins (Yuriko jeden Tag). Das heißt, ich hatte zwei halbe Tage, um irgendwas anderes zu machen, zum Beispiel arbeiten, und dann einen ganzen im Krankenhaus. Da ging ja fast gar nichts mehr. Dass ich da nicht jeden Zwillingstag komplett mitnehmen konnte, hat dazu geführt, dass Yuriko mich auch schon mal „Rabenvater“ genannt hat – zwar leise und ein bisschen ironisch und mit der Einschränkung, dass das nur für die Babys gelten würde und nicht für Kiko – trotzdem ist das gemein. Diese Brennholzaktion gestern, da habe ich auch das Holz nachgesägt, dass Yuriko in den letzten Wochen verbraucht hat. Wir haben ja eine gemeinsame Ökonomie, wir Eltern, und solange nicht eine*r tagelang DVDs schaut, können wir davon ausgehen, dass er oder sie was Sinnvolles für die ganze Gruppe tut.

Morgen fängt der Kindergarten nach den Weihnachtsferien wieder an, da bin ich aber froh, dann haben wir wieder mehr Luft. Und Dienstag („mein“ nächster Zwillingstag) will ich dann von früh bis spät bei den Babys und bei Yuriko sein.
In der Klinik, in der sie/wir jetzt sind, läuft übrigens alles anders als in der Station der größeren Stadt, in der wir vorher waren. Alles ist neu und geräumig, aber es scheint auch viel weniger los zu sein. Wir sind die einzigen Eltern von Frühgeborenen. Es gibt keine bequemen Stühle, in denen wir uns zum Känguruhen mit den Babys hinlegen könnten – nur normale Sitze, in denen wir die Kleinen im Arm halten. Die Schwesternschaft schaut nicht mehr aus wie der Backgroundchor aus einem Musikvideo (ja, ich hatte eine Lieblingsschwester… aber natürlich wusste die das nicht), und die Türen stehen nicht alle offen, sodass man mitbekommen würde, wer so alles da ist. Es war wirklich kuscheliger vorher (ich würde ja gern den Namen der Stadt nennen, aber wir wahren ja hier so was wie Anonymität…). Dafür können wir jetzt selbständiger sein. Das hat natürlich vor allem Yuriko gemerkt und sich umstellen müssen: Sie kann da anlegen, rausnehmen, wickeln, wann immer sie will. Und sobald die Kleinen keine Sauerstoffsättigungsabfälle mehr haben (immerhin: Nur noch ein Sensor; vorher wurden drei Werte gemessen!), ziehen sie mit Yuriko auf ein Zimmer. Ob dann von uns auch jemand dazuziehen darf, wissen wir noch nicht. Bei Kiko waren wir ja immer zu zweit in der Klinik, Tag und Nacht, da sollten wir das doch bei Zwillingen erst recht so machen, oder?
Übrigens wurde Kiko auf der Geburtsstation derselben Klinik geboren, in deren Kinderstation jetzt die Twins liegen. Und Kiko ist dort berühmt: Sie war ja auch zu früh, wurde aber ohne irgendwelche Magensonden oder Sensoren bei uns im Familienzimmer aufgepäppelt und dann mit unter 2 kg Gewicht entlassen. Diese Geschichte erzählt man sich scheinbar noch heute in diesem Krankenhaus, es hat scheinbar weder vorher noch nachher wieder so was gegeben. Jetzt flitzt Kiko mit einem Spielkinderwagen durch die Gänge und keiner dort weiß, dass es sich um dieses legendäre Baby handelt und dass sie so gut geraten ist…
Als Yuriko damals fix und fertig war und wir um jede Stunde Schlaf für sie dankbar waren, hab ich mal einen Zettel an die Tür unseres Zimmers gehängt. „Yuriko schläft, bitte nicht stören“. Und an diesen Zettel erinnern sich die Hebammen und Schwestern dort auch noch, sowas hat scheinbar auch noch nie jemand gemacht. Obwohl ich bis heute nicht weiß, was daran besonders sein soll. Wir haben das erfahren, als wir den ersten Ultraschall der Twins dort in der Klinik machen ließen. In so einer Klinik geht es halt schon recht konventionell zu.

Als ich gestern da war, lagen Noam und Ta („Noam“ finde ich schöner als Noa) immer noch zusammen im Bettchen, obwohl das schon ganz schön eng war. Wir finden es gut und die beiden scheinen auch zufrieden(er). Heute ist A-lex bei ihnen und Yuriko. Emma hat Kiko bis 16:30, dann bin ich dran. Ich habe einen Dreivierteltag zum Schreiben, Räumen und Denken. Was für ein Luxus!! Auch in der Sache aus dem letzten Beitrag „Erweiterung Gemely“ geht es weiter, da werde ich demnächst wieder berichten, es sollen nicht immer alle Gemely-Mitglieder meine Gedanken aus dem Internet erfahren.

Was ich auch gern mal veröffentlichen würde: Eine Liste unserer liebsten Kinderbücher. Denn Bücher spielen bei uns eine große Rolle. Wir Erwachsenen lieben Bücher (meine letzte Empfehlung: Alle Bücher von Joachim Meyerhoff, und davor: „Oryx und Crake“ von Margaret Atwood) und Kiko liebt sie auch. Zu Weihnachten gab es neue, von denen vor allem das Wimmelbilderbuch „Unser Zuhause“ ganz toll und empfehlenswert ist (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/ostern-tipps-fuer-bilderbuecher-zum-verschenken-a-1025173.html, bitte im Buchladen deines Vertrauens kaufen!).
Hier ein erster Vorgeschmack:
„Rosa und die Zimtschnecken“
Die Wimmelbider von Ali Mitgutsch natürlich
„Luzie Libero und der süße Onkel“
„Die Torte ist weg“
„Ein neues Haus für Charlie“
Die Peterson & Findus Bücher sowie die von Mamma Muh und der Zauberin Zilly.

Es gibt ein paar uralte Bücher, die schön sind, zum Beispiel eine Geschichte über einen entlaufenden Hund, die mit echten Fotos erzählt ist.

Und die Conny-Geschichten mag Kiko gerne, obwohl uns die eigentlich zu, wie sagt man, „heteronormativ“, sind. Kann doch nicht so schwierig sein, diese Geschichten in ein bunteres Umfeld einzubetten, in dem Conni nicht jedesmal die Beste ist, oder???

Aber wie gesagt, das war nur ein Vorgeschmack. Ich hab jetzt so viel und zu so unterschiedlichen Dingen geschrieben, weil ich keine Ahnung habe, wann ich wieder zum Bloggen komme :-).

Vater genug

Noa und Ta sind jetzt ‚Päppelkinder’ (Krankenhausjargon): Liegen nur noch in der Klinik, um aufgepäppelt zu werden, haben also nicht mehr mit großen Problemen zu kämpfen. Sind knapp bzw. weit über 2 kg schwer und machen Trinkversuche mit Fläschchen und Brust. Yuriko schafft knapp, sie allein mit Muttermilchpumpen zu ernähren – ein heldenhafter Einsatz, Tag und Nacht, die Milchpumpe ständig einsatzbereit.
Noa und Ta liegen sogar zusammen in einem Bettchen, eine zuerst aus der Not geborene Lösung, weil es nicht genug Wärmebetten auf der Station gab und Ta nicht länger im Brutkasten bleiben sollte. Aber dann haben die Schwestern sie beieinander liegen lassen, ein schönes Gefühl für uns Eltern.
Ich bin heute schon wieder nicht mitgefahren, um meine alle-drei-Tage-Schicht anzutreten, obwohl es keine zwingenden Gründe dafür gab. Ich habe hier zwar wirklich viel zu tun und meine Arbeit dient auch ganz direkt der Gemely: Wir wollen in 2016 nämlich ein Haus bauen und ich muss den Kreditantrag für die Bank fertig machen und dafür auch die Buchführung unseres Vereins. Aber ich hätte das auch ignorieren und einfach ins Auto steigen können. Bleibt ja sowieso immer was liegen.
Aber ich habe auch das Gefühl, dass ich der Elternteil bin, der am wenigsten stark das Bedürfnis hat, zu den beiden zu fahren. Wenn es sonst keine*r tun würde: sofort! Aber ob jetzt Yuriko beide auf die Brust nimmt oder je sie und ich ein Baby – das wird Noa und Ta doch egal sein, oder? Ein bisschen ein schlechtes Gewissen habe ich. Yuriko hat auch ein bisschen spitz reagiert, als ich gesagt habe „Sag den Babys, dass ich vielleicht Sonntag (=übermorgen) komme“. Da hat sie nur gesagt: „Vielleicht“, und der Tonfall klang wie: „Soso.“ Dabei kam das „Vielleicht“ daher, dass A-lex dafür seine Klinikfahrt mit mir tauschen müsste; ich wäre ja eigentlich erst wieder Montag dran.

Ich kann mir auch wirklich noch nicht vorstellen, wie ich das mit der Liebe und Verbindung zu Kiko hinkriegen soll – das einfach aufteilen. Vielleicht bin ich der Elternteil, der am meisten Kiko verbunden bleiben wird? Wäre ja auch ok. Jedenfalls ist es toll, dass die Zwillinge wieder so ein völlig 100-%-iges Gemely-Projekt sind. Zwar habe ich die Bürokratie wieder alleine mit Yuriko machen müssen, gemeinsames Sorgerecht und Vaterschaftsanerkennung bei einer sehr netten Dame im Jugendamt, aber das war es dann auch schon wieder mit Biovaterprivileg. Übrigens habe ich gefragt: Wir hätten auch einen Zwilling von mir und den anderen von A-lex anerkennen lassen können. Die Vaterschaftsanerkennung hat gar nicht direkt mit der biologischen Vaterschaft zu tun, das hätte die Frau im Amt schon gemacht. Aber dann wäre ja Emma nicht dabei gewesen und außerdem fände ich komisch, die Kinder unterschiedliche Väter haben zu lassen. Vielleicht war das nicht 100 %-ig korrekt, aber Yuriko und ich haben den Termin beim Jugendamt nicht abgebrochen, um mit A-lex und Emma Rücksprache zu halten. Jetzt bin ich offiziell Vater von drei Kindern.

Da das dann auch reicht, habe ich schon einen Termin zur Sterilisation vereinbart, das ist in drei Wochen. Und passend dazu hat uns gestern eine sehr gute Freundin der Gemely, die vor Kikos Geburt auch schon mit uns zusammengewohnt hat, gefragt, ob wir ihr auch ein Kind zeugen würden.
Sie wünscht sich ein Kind, die biologische Uhr tickt, zu uns hat sie Vertrauen, Details weiß sie noch nicht und würde sie gern mit uns entwickeln. Ganz bewusst fragt sie die ganze Gemely, weil es ja für uns alle Folgen haben könnte. Sie hat mich gebeten, meinen Sterilisationstermin zu verschieben.

Meine erste Reaktion war Freude angesichts weiterer Vermehrung.
War das ein rein biologischer Reflex? Oder fühlte ich mich dadurch persönlich oder als Mann oder als DNS geschmeichelt?
Yuriko hatte eine differenziertere Reaktion: Wenn es um eine echte soziale Vaterschaft gehen würde: Könnten ich oder A-lex das leisten, angesichts der Zwillinge und Kiko? Zumal unsere Freundin zur Zeit ein paar Dörfer weiter wohnt.
Und als reine Samenspende: Wenn wir dem Kind sagen, wer ihr Papa ist, wird es sich nicht wundern, wenn ich oder A-lex für die Zwillinge und Kiko richtig präsent sind und für „das vierte Kind“ nicht?
Für mich denkbar wäre höchstens, dass unsere Freundin auch Teil der Gemely wird und zu uns zieht. Wiederum ein „aber“: Wird die Gemely nicht eh hart geprüft durch die Babys; sollten wir unser schönes Modell nicht ein bisschen schonen, ihm eine Chance zur Konsolidierung geben?

Ich hab es ja oben und schon oft zuvor geschrieben: Bei allem Glück, das mir Kiko und jetzt auch die Babys bescheren, bin ich doch um jede Stunde froh, die ich allein verbringen darf. In Zukunft morgens zwei dreijährige Kinder abends ins Bett bringen und morgens kindergartenfein machen – plus einer dann sechsjährigen Kiko, die auch nicht einfach nur mitlaufen soll: das ist schon jenseits meiner Vorstellungskraft. Wenn ich in diesem Szenarium „ja“ zu noch einem dann vielleicht zweijährigen Kind sagen würde, dann nur, weil ich mir diese Zukunft eh schon nicht vorstellen kann. Eine fundierte Entscheidung wäre das nicht.

Auf dem Weg zum Känguruhen

Die Babys sind da! Und wir unterwegs zu ihnen. Die ganze Gemely füllt jetzt schon eine Limousine, mit zwei weiteren Babyschalen müssen wir uns dann einen Siebensitzer aus dem Gemeinschaftscarpool leihen… Gut, dass wir so was haben.

Die Babys sind da und zwar erleben Sie heute ihren sechsten Lebenstag. Seit ihrem zweiten Tag dürfen sie „gekänguruht“ werden – da legt sich ein Elternteil oben ohne neben den Inkubator und dann wird das Baby auf die Brust gelegt. Beide Kinder genießen das Kuscheln, atmen alleine und halten ihr Gewicht. Da Yuriko schon ziemlich viel Milch abpumpt, können sie schon fast ausschließlich mit Muttermilch ernährt werden und nehmen hoffentlich bald zu. Bis jetzt wiegt Ta (Blog-Namensvorschlag von Kiko) 1050 g und Noa (Blog-Namensvorschlag von Kiko) 1400 g. Ich weiß das alles nur vom Hörensagen, weil ich vor vier Tagen zum letzten Mal da war. Ich bin mit der Geburt der Babys krank geworden (Husten, Schnupfen, dicker Kopf) und wollte die Kleinen natürlich nicht anstecken. Jetzt fühle ich mich fit genug und werde auch von den anderen ermutigt, heute einen der Zwerge auf die Brust zu nehmen. Angeblich sehen sie mir beide unglaublich ähnlich („sehen genau so aus wie du mit 80“). Ich freu mich schon. In den ersten Tagen hat mich die Situation ziemlich verwirrt. Ich krank, in der Klinik mühen sich zwei Minibabys mit Atmen ab, und in der Gemeinschaft will mir jede*r gratulieren oder mich in den Arm nehmen. Hat irgendwie gar nicht zusammengepasst.

Ich habe mich in den wacheren Momenten mit Arbeit und Kiko beschäftigt und die Zeit mit letzterer sehr intensiv erlebt. Sie hat die Babys nur mal durch eine Glasscheibe vom Balkon der Kinderklinik aus gesehen, zusammen mit mir. Sie war schon interessiert, wollte dann aber bald auf den Spieplatz. Was soll sie da auch auf dem Balkon? Leider darf sie in dieser Klinik nicht mit rein (andere Kliniken, die das erlauben würden, wären noch weiter weg gewesen – wir müssen jetzt auch schon 50 Minuten fahren). Kiko ist aber entspannt und zeigt keine Anzeichen von Eifersucht. Ich fühlte mich ihr zuletzt besonders nahe und spürte auch eine Wehmut darüber, dass die Einzelkindzeit jetzt zu Ende geht. In der wir vier Erwachsenen noch am Esstisch sitzen und schnacken, während Kiko in der Wohnküche hin und her rennt und spielt und überall Knoten knüpft, die sie uns dann zwischendurch präsentiert. In der ich abends eine warme Dinkelmilch zubereite und die rethorische Frage stelle: „Wer will ’ne Milch?“, worauf Kiko sich laut zu Wort meldet. In der eine müde Kiko den ganzen Nachmittag auf keinen Fall schlafen will und dann beim Abendessen wegschlummert…

(an dieser Stelle hört der Blogeintrag auf, weil das Auto die restliche Fahrt über über eine wüste Buckelpiste schaukelt. Es sei aber verraten. Känguruhen ist toll und die winzigen Kerlchen eine Wonne. Kiko war an jenem Tag dann auch interessierter und hat auch mehr gesehen. Es läuft gut. Zu viert auch sehr praktisch: jeden Tag fahren zwei in die Klinik und die anderen beiden sind zu Hause mit Kiko. Wenn sie dann auch noch Kindergarten hat, ist die Betreuung zeitlich gar kein Problem, obwohl die Zwillinge täglich bekuschelt werden…)

Was ist das für ein Schmerz?

Mich hat es mal wieder erwischt. Diese seltsame Wehmut ist wieder da. Ich verbringe viel Zeit mit Kiko und bin so bewegt davon, wie sie in die Welt hineinwächst, dass ich nicht weiß, wohin mit dem Gefühl. Oder überhaupt: Was für ein Gefühl das ist.

Wie sie alles ernst nimmt und mit voller Aufmerksamkeit macht. Ganz im Moment. Gummibärchen essen, Grimassen schneiden, Cornflakes sortieren, Knoten machen. Während ich dabei bin, freue ich mich und schaue herum, ob ich einem der anderen Elternteile zugrinsen kann – und wenn ich dann wieder allein bin, ist da doch eher eine Traurigkeit, ein Kloß im Hals.

Gestern dachte ich, es läge vielleicht daran, weil Kiko so aufwachsen darf und es ihr scheinbar so gut geht und das gleichzeitig so gar nicht selbstverständlich ist in dieser Welt. Vielleicht würde jemand sie privilegiert nennen, mit ihren vier Eltern, genug zu essen und einem sicheren Wohnort. Und dieses „privilegiert“ wäre irgendwie so gemein, so abwertend – als hätte Kiko nicht verdient, dass es ihr gut geht und sie in ihrem Tempo lernen darf, wie die Welt so funktioniert.

Dann habe ich mit Yuriko geredet und sie kam mit dem Bild, dass einem manchmal das Herz so aufgehen möchte, wenn man Kiko so erlebt; dass das Herz aber schon viel zu verschlossen ist und gar nicht so weit aufgeht. Und dass das dann weh tut.

Ich weiß nicht, was das für ein Schmerz ist. Vielleicht ist es auch die Zeit. Dieselbe Zeit, die mich 43 Jahre alt gemacht hat, obwohl ich gefühlt gestern noch in unserem Vorgarten in Bayern gehockt bin und versucht habe, meinen Krempel per Flohmarktstand an die spärlich vorbeitröpfelnden Passanten zu verscherbeln. Diese Zeit hat Kiko jetzt schon 3 Jahre alt gemacht, sie spricht, spielt, tanzt und singt. Und weiß genau, was sie (nicht!) will.

Bei Nacht und Nebel in die Klinik

Yuriko ist im Krankenhaus. Die Babys sind noch im Bauch, aber vor fünf Tagen hatte sie Wehen im Abstand von 5 Minuten und da sind wir sofort losgedüst. Die nächste Klinik, die Früchchen in der 27. Woche aufpäppeln könnte, ist eine Autostunde weg; schon während der Fahrt hat sich Yurikos Bauch beruhigt, aber wir sind trotzdem weitergefahren und weil der Gebährmutterhals auf 2,3 mm verkürzt ist, sollte sie da bleiben.

Und da ist sie jetzt.

Irgendwie beruhigend, dass die Fahrt durch Nacht und dicken Nebel problemlos war und Yuriko mit den noch nicht ausgereiften Zwillingen „in Sicherheit“ – aber: Sie fehlt uns (jedenfalls mir! Und Kiko!) enorm. Und für sie ist es sehr unprickelnd, die Aussicht, jetzt womöglich wochenlang im Vierbettzimmer dieser Riesenklinik zu wohnen. Wir schaffen wohl nicht, sie öfters als alle zwei Tage zu besuchen. Für Kiko ist die Fahrt jedesmal lang und langweilig. Gestern und heute war ich mit A-lex und Kiko dort, wie haben im Hotel übernachtet und Yuriko gestern und heute besucht; gestern Abend war ich nochmal alleine bei ihr, während A-lex Kiko ins Bett gebracht hat. Das war gut.
Aber für Kiko ist es nicht so leicht, in Spiel- und Kuschelkontakt mit der Biomama zu kommen, wie zu Hause, wo jene ihr Lager im Wohnzimmer aufgeschlagen hatte und zum Kuscheln und Buch-Vorlesen jederzeit zur Verfügung stand. In den letzten Tagen hat kiko auch mal geweint, zweimal nachts und einmal abends; vielleicht hat sie da auch was zu verarbeiten, weil Yuriko plötzlich nicht mehr bei uns ist.

Es gibt aber auch noch genug Spaß und schöne Momente, wie gut, dass wir zu dritt und die Kleine jetzt ein Kindergartenkind ist. Da kriegen wir das schon hin. Spontaner Gedanke beim Abendessen: Noch ein paar Wochen ist sie Einzelkind, dann geht bei uns nochmal ne ganz neue Nummer los. Unvorstellbar…