Große Momente

Die anderen sind weggefahren, ich bleibe alleine zu Hause. Kiko fährt mit A-lex und Emma nach München, Yuriko fährt zu einer Freundin in der Pfalz, ganz allein in Norddeutschland bleibt Heiko. Ein ganz komisches Gefühl zwischen Glück und Sehnsucht, eigentlich vielleicht Traurigkeit: Als wir auf der Treppe stehen und uns von Kiko verabschieden. Yuriko wünscht ihr eine gute Reise mit A-lex und Emma, ich sage erst nur Tschüs und winke, Kiko winkt zurück und dann will ich doch noch näher zu ihr kommen und um einen Kuss bitten, den ich sogleich bekomme. Yuriko bekommt auch einen, dann hebt A-lex sie hoch und stapft mit Handkarren und Emma in Richtung Bushaltestelle. Er trägt Kiko weg und sie lässt es zufrieden geschehen, fängt gleich an, etwas zu erzählen und dreht sich nicht mehr nach uns um. Ich kann den Kopf nicht abwenden; als sie von der Veranda aus nicht mehr zu sehen sind, gehe ich ins Haus und erhasche noch einen Blick aus dem Fenster – Kiko schaut nicht zurück. Sie ist bei ihren Eltern, sogar bei zweien, und ist zufrieden. So konkret fühlt sich gemeinsame Elternschaft nur selten an.

Danach räume ich die Küche auf: Stofftiere, Bücher, Malkreiden, Plastikfläschchen mit Plastikbuchstaben gefüllt, Papierschnipsel, Tupperschüsseln, Küchensiebe, ein Topf und die von A-lex auf Papier gemalte Herdplatte. Den Rest Dinkelmilch in ihrem Fläschchen und zwei angenagte Äpfel nehme ich mit in mein Zimmer, Äpfel esse ich im Laufe des Vormittages und die Milch kommt später in den Kaffee. Die anderen haben mir jeweils drei ganz tolle Tage allein gewünscht – ich werde sicher gut arbeiten können. Aber ich werde vor allem auch merken, was wir so ganz alltäglich für ein gutes Leben haben als Eltern mit Kind.

Wir haben es ja geschafft, nicht mal über unseren gemeinsamen Gemely-Urlaub zu bloggen. Wir sind mit dem Zug weit nach Italien gefahren, noch südlich von Rom. Hat alles bestens geklappt. Sandburgen gebaut, Pasta gegessen und viel gesehen. Spaziert und gelesen und ganz entspannt mit Kiko gewesen. Die gemeinschaftlich gesehen spannenden Herausforderungen liegen vor uns: Eine unserer Mitbewohnerinnen ist schwanger und nächstes Jahr wird es ein weiteres Kind geben. Der Vater lebt nicht in unserer Gemeinschaft, deswegen ist nicht ganz klar, wie das aussehen wird, aber wahrscheinlich wird das Baby meistens in unserer Gruppe sein und für Kiko so was wie ein Geschwisterkind sein. Es ist noch eine Weile hin und vielleicht können wir sie ja dafür gewinnen, darüber zu schreiben, wie es sich anfühlt, neben uns ein Kind zu bekommen. Wir haben auch angeboten, sie irgendwie in unser „Konzept“ zu integrieren, aber das scheint nicht angesagt zu sein. Joel wird dann der einzige Mensch in der Gruppe sein, der nicht verbindlicher Elternteil (im Sinne von festen Absprachen) ist (sie hat schon einen richtig guten Draht zu Kiko!), und sie hat bereits ausgesprochen, dass sie das Verschwinden der letzten reinen Erwachsenen-Räume befürchtet. In letzter Zeit haben wir dieser Gefahr etwas entgegengesteuert und zum Beispiel endlich mal Kinderbetreuung organisiert. Unsere wöchentlichen Treffen finden seit wenigen Wochen tatsächlich ohne Kind statt. Das ist uns offensichtlich schwergefallen, Kiko wegzugeben, jetzt ist sie zwei Jahre alt und macht die ersten Babysitting-Erfahrungen.
Wenn dann aber noch ein Kleinkind da ist, wird der Anspruch auf reine Erwachsenenräume jedenfalls herausgefordert. Ich würde mir wünschen, dass wir an diesem Anspruch nicht festhalten, sondern eher lernen, auch mal zwischendurch Entscheidungen zu treffen und (vielleicht nicht mit allen) emotionale Räume zu pflegen, ohne diese reinen Erwachsenenrunden einzufordern. Mit dieser Forderung machen wir uns wahrscheinlich nicht glücklich. Wenn ich das schreibe, hat das allerdings einen vielleicht bitteren Beigeschmack für die anderen, weil ich in unserer Gruppe sowieso schon immer meine Schwierigkeiten mit ritualisiertem emotionalen Austausch habe – aber wie soll das gehen, entspannte Räume für Erwachsene mit Babys und Kleinkindern in der Gruppe? Vielleicht hab ich mich auch noch nicht genug damit angefreundet, dass sich andere um unsere Kinder kümmern. Komisch, oder, dass ausgerechnet ein Co-Vater Probleme damit hat, sein Kind von anderen betreuen zu lassen…?

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